Letztes

Elf

Samuel und ich sitzen schweigend nebeneinander. Ich konnte mich gerade so vergewissern, dass es Sarah den Umständen entsprechend gut geht, da klopfte es auch schon an der Tür und eine äußerst parfümlastige ältere Frau – eine von der ‚Ich kann nicht akzeptieren, dass ich älter werde‘-Sorte – klackerte auf ihren hohen Absätzen auf uns zu. Sie stellte sich als Mitarbeiterin des Jugendamtes vor und bat mich, den Raum zu verlassen, sie müsse mit dem armen Kind alleine sprechen. Sarah und ich blickten uns an und ich sah die Panik in ihren Augen. Ich drückte ihr kurz die Hand und konnte gerade noch so einen Seufzer unterdrücken, schloss leise die Tür hinter mir und ging mit hängendem Kopf zu einer Besucherecke und setzte mich neben Samuel, der nur kurz aufblickt. So sitzen wir also hier und schweigen uns an,  bis ich es nicht mehr aushalte. „Ich hole mir einen Kaffee, möchtest du auch?“ – „Mhm.“ Noch nie habe ich Samuel so wortkarg und resigniert erlebt. Mit einem mulmigen Gefühl mache ich mich auf die Suche. Als ich wenige Minuten später mit zwei Plastikbechern in den Händen um die Ecke biege, bemerkt mich Samuel gar nicht. Ich bleibe für eine Sekunde stehen. Er macht sich unendliche Sorgen, das sehe ich. Ab und an streift er sich gedankenverloren durchs Haar, nur um seinen Kopf gleich wieder in seine Hände sinken zu lassen. Es ist absurd, in Anbetracht dieser Situation, und doch bereitet sich in mir eine wohlige, fast schmerzhafte Wärme aus. Samuel gehört zu uns. Er ist ein Teil der Familie, die wir eigentlich nie hatten. Er ist immer für uns da. Wirklich immer. Wie ein großer Bruder, der seine Schwestern schützt und mir wird klar, dass Familie nicht blutsverwandt sein muss. Die Liebe einer Familie kommt aus dem Herzen. Blut ist nicht dicker als Wasser, Herzblut ist dicker als Blut.

„Schmeckt nicht wirklich nach Kaffee, aber es ist schön heiß, das hilft vielleicht ein bisschen.“ Ich halte ihm einen Becher entgegen und lächele ihn an. „Du hast das Richtige getan, Samuel. Und wer weiß, was mit Sarah passiert wäre, wenn du nicht dazwischen gegangen wärst.“ Ich lehne mich an ihn und atme tief durch und flüstere „Ich bin dir so unendlich dankbar, dass du immer für uns da bist…“ Und dann stürzen alle Gefühle auf einmal über mich herein, die Dankbarkeit und Liebe, die Wut, die Angst und ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Samuel zuckt kurz, dann umarmt er mich und so sitzen wir beide wie ein Häuflein Elend da und versuchen, uns gegenseitig Trost zu spenden.

Nach über einer halben Stunde höre ich wieder das Klackern der Stöckelschuhe und schon steht die Jugendamtsfrau vor mir. „Bist du Rosalie?“ Ich nicke. „Du sorgst für Sarah, sagt sie.“ Mir gefällt nicht, wie sie das Wort „sorgt“ ausspricht. „Wieso bist du nicht zu uns und hast das in erfahrene Hände gegeben? Man sieht ja nun, wie du dich um sie „sorgst“!“ Sie bewegt dabei Zeige- und Mittelfinger beider Hände, um ihre Worte noch zu unterstreichen. „Dass eins klar ist, Sarah steht ab sofort unter unserer Obhut und kommt erst einmal in ein Heim. Vielleicht finden wir noch eine Pflegefamilie für sie. Und du, Fräullein“ sie tippt mir dabei auf die Brust „solltest mal anfangen, nicht so verdammt egoistisch zu sein, Sarah hätte noch viel Schlimmeres zustoßen können!“ Ich sage nichts und stehe nur wie versteinert da. „Als ob SIE eine Ahnung hätten, was nicht alles schon passiert ist und warum Rosalie so handelt!“ Samuel ist aufgesprungen und stellt sich schützend vor mich. „Was bilden Sie sich eigentlich ein. Denken Sie ernsthaft, sie können einfach so nach 30 Minuten ein Urteil fällen und über Rosalie richten, wie es Ihnen beliebt?“ Die Frau zuckt erst ein wenig zurück, dann plustert sie sich auf. „Und Sie sind?“ zischelt sie nur. „Sind Sie etwa der Nachbar, der von allem wusste?“ „Komm, Samuel, wir gehen zu Sarah, lass gut sein.“ Ich habe pochende Kopfschmerzen und öffne die Tür. „Du kannst dich schon einmal von deiner Schwester verabschieden, du wirst sie so schnell nicht wiedersehen.“ Ich drehe mich um und kann gerade noch sehen, wie sie mich boshaft angrinst, bevor Samuel mich durch die Tür schiebt und sie hinter mir schließt.

Zwischenmeldung 02

Und da ich schon einmal dabei bin…

Zwischenmeldung

Ich möchte so gerne weiterschreiben. Dennoch lasse ich es im Moment und mache mir nur ein paar Notizen, denn ich bin noch immer ziemlich gefangen im Universum von Karou. Es gestaltet sich daher etwas schwierig, sofort selbst mit dem schreiben zu beginnen, ich denke, ich würde unbewusst Gefühle und Eindrücke von dort nach hier übertragen. Das will ich natürlich nicht! Zwischenzeitlich versuchte und versuche ich jedoch, ein paar meiner Bilder, die in meinem Kopf rumschwirren, zu Papier zu bringen… Et voilà: Rosalie.

Feedback

Und da sind sie. Die ersten 10 (Mini-) Kapitel.

Ich freue mich wahnsinnig und bin total aufgeregt. Denn jetzt seid ihr das erste Mal gefragt! Ich wünsche mir von euch feedback. Stellt Fragen, spekuliert. Und vor allem: Übt Kritik aus! Ich bin darauf angewiesen – und seien es “nur” Tipp- und Rechtschreibfehler ;) .

Ich bin voller Ideen und selbst gespannt, wie es mit Rosalie, Sarah, Samuel, dem Prinz Dickerchen und dem geheimnisvollen Fremden mit den faszinierenden Augen weitergeht!

annyclaws

Zehn

“Wie, was? Natürlich ist alles in Ordnung! Wieso fragst du?” Ich versuche, mir das Chaos in meinem Kopf nicht anmerken zu lassen, drehe mich um und blicke einem ziemlich kaputten, sorgenvollen Samuel mitten ins Gesicht. “Samuel… Was hast du?” “Rosalie. Rosalie, es ist etwas passiert. Sarah, sie… ” – “Was ist mit Sarah! Was zur Hölle geht hier vor, nun spucks schon aus, verdammt!” Ich packe Samuel an seinem Hemd und ziehe daran, während ich das Gefühl habe, als würde gerade ein tonnenschwerer Stein in meinen Bauch geschmissen werden, dessen Gewicht ich nicht auszuhalten vermag. “Sarah wollte gerade zu mir, doch ich war noch kurz etwas einkaufen. Sie hat vor meiner Wohnungstür auf mich gewartet und dann stand euer Vater plötzlich vor ihr. Er kam früher zurück, als sonst und war sehr wütend, dass du nicht da warst. Er hat seine Wut an ihr ausgelassen und ich, ich kam zu spät!!” Hier unterbricht Samuel seine Erzählung. Seine Hände sind zu Fäusten geballt und Tränen stiegen ihm in die Augen. “Samuel, wo ist sie..” Ich bin kreidebleich und bringe kaum einen Ton heraus. “Ich bin dazwischen gegangen. Ich war so entsetzt und bin so zornig geworden und habe ihn die Treppe hinunter gestoßen. Dann habe ich Sarah ins Krankenhaus gebracht. Ihr geht es jetzt besser. Dein Vater ist vermutlich getürmt, denn als ich wieder hier her kam, war er nicht mehr da, auch nicht in eurer Wohnung… Und Rosalie… Das Jugendamt weiß bescheid.”

Neun

“Verdammt, was geht hier vor?!” Ich drehe mich nach allen Seiten um, doch der Spielplatz ist verschwunden. Stattdessen stehe ich mitten in einem Feld. Die Sonne steht hoch am wolkenlosen, blauen Himmel. Es ist angenehm warm und ich höre die Grillen zirpen. Ich wische mir mit dem Handrücken die feinen Schweißperlen von der Stirn. “Na gut, Rosalie. Alles ist besser, als hier Wurzeln zu schlagen. Auf, auf!” Gespielt mutig setze ich mich in Bewegung und entdecke schon kurze Zeit später einen halb verwilderten Feldweg. “Könnte schlimmer sein, oder nicht?” Nach und nach tauchen rechts und links neben mir bewirtschaftete Felder auf. Getreide, soweit das Auge reicht. Je länger ich laufe, desto leichter fühle ich mich. Befreit, als würde mit jedem Schritt ein Stück meiner Sorgen von mir abfallen. Langsam schleicht sich ein zaghaftes Lächeln auf mein Gesicht. Plötzlich höre ich Stimmen, die langsam auf mich zukommen. Leichte Panik steigt in mir hoch und meinem Instinkt folgend verkrieche ich mich rasch zwischen den Getreidepflanzen, darauf hoffend, nicht bemerkt worden zu sein. “Es ist doch immer das Gleiche mit dem vornehmen Volk!” höre ich einen Mann schimpfen. Danach folgt zustimmendes Gemurmel von mindestens zwei weiteren Männern. “Ach komm schon, Pischko, kannst du nicht einmal mit deinem Gejammere aufhören? Siehst du hier gerade einen von denen? Hier können wir sagen, was wir wollen. Hier kann uns keiner was! Fang endlich mal an, das zu genießen! Wenigstens für ein paar Stunden sind wir frei…” Mein Herz klopft mir vor Aufregung und Ergriffenheit bis zum Hals. Der Mann, der gerade gesprochen hat, scheint mir aus der Seele zu sprechen. Auch ich genieße diese Freiheit, die mir geschenkt wird, obwohl ich nicht weiß, wie oder warum ich hier gelandet bin, womit ich sie verdient habe und was dieses “hier” überhaupt ist. Die Schritte kommen immer näher und ich halte den Atmen an. Drei Männer in seltsamer, heruntergekommener Kleidung laufen an mir vorbei. “Ja, Mash, du hast recht. Lasst uns später noch ein Fläschchen trinken, bevor wir wieder zurück müssen, ja?” – “Na endlich wirst du vernünftig, Pischko!” Ein großer, junger Mann in der gleichen, ärmlichen Kleidung schreitet an mir vorbei. Neugierig versuche ich, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, als er sich mit einem Mal zur Seite dreht und mich direkt ansieht. “Glaub mir Pischko, bald wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.” Er lächelt mich an.

Wie wahr diese Worte sein würden, kann ich mir in dem Moment nicht ansatzweise vorstellen, denn ich kann nur in diese Augen starren. “D-Das kann nicht sein…” flüstere ich und will aufstehen, auf den Mann zugehen, der mir so seltsam vertraut erscheint. Doch er seufzt nur kurz, zwinkert mir zu und einen Wimpernschlag später stehe ich mit dem Schlüssel in der Hand vor unserer Wohnungstür. “Rosalie? Ist alles in Ordnung mit dir?” höre ich Samuel hinter mir besorgt fragen.

Rosalie ~ 01

Ich höre leidenschaftlich gerne Musik. Musik ist mein akkustisches Überlebenselixier. Aber Musik ist eben nicht gleich Musik. Für mich ist es eine Symbiose aus Melodie und Lyrik. Beides muss perfekt passen. Wenn das der Fall ist, dann versteht sie mich, weint mit mir, fühlt sich mit mir verletzt und verloren. Und sie lässt mich fliegen. Sie trägt mich davon, schenkt mir neue Hoffnung, hilft mir auf die Beine und macht mich glücklich. Sie gibt mir Halt.

Rosalie

Acht

Wütend knalle ich die Wohnungsschlüssel auf den Tisch, dass Sarah erschrocken zusammenzuckt. „So eine verdammte Scheiße!“ „Was ist denn passiert?“ fragt sie mich vorsichtig. „Die haben mich rausgeschmissen, das ist passiert!“ Ich bin so sauer, dass ich das Gefühl habe, gleich platzen zu müssen. „W-Was? Die haben dich gefeuert? Aber wieso denn?“ Sarah sitzt mit offenem Mund da und starrt mich an. „Ich bin zu spät gekommen, weil ich einen kleinen Zusammenprall mit Samuel hatte. Einmal zu spät und schon kann man seine Sachen packen. Das ist so lächerlich!“ Ich atme einmal tief ein und wieder aus, um runter zu kommen. „Und was wirst du nun tun? Suchst du dir einen neuen Job? Was hatte Samuel da eigentlich zu suchen?“ Ja, was hatte Samuel dort zu suchen. Wieso hat er mich so komisch angeschaut. Und warum bin ich auf einmal so aufgeregt, nur bei dem Gedanken an ihn? „Natürlich werde ich mir eine neue Arbeit suchen. Es muss ja sein.“ Sage ich geistesabwesend. „Ich muss nochmal raus, den Kopf frei kriegen… Gehst du dann bitte rechtzeitig aus dem Haus, ja? Du weißt ja, warum.“ Schnell packe ich meine Tasche und lasse eine etwas verwirrte Sarah in der Wohnung zurück.

Im Kiosk um die Ecke hole ich mir eine Tageszeitung. Als ich an einem  nahegelegenen Spielplatz angekommen bin, blicke ich mich kurz um. Weit und breit ist niemand zu sehen. Erleichtert setze ich mich auf eine Bank und genieße für einen Moment die wärmenden Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, die sich ihren Weg durch den wolkenverhangenen Himmel gekämpft haben.  Ich blättere durch die Jobanzeigen und werde immer niedergeschlagener. Nichts. Absolut gar nichts, was für mich in Frage käme. Was mache ich jetzt nur? Sarah und ich brauchen das Geld so dringend. „Miau.“ Ich zucke zusammen, als der Kater auf einmal auf meinen Schoß springt. „Man, erschreck mich doch nicht so!“ Er dreht sich ein paar auf der auf meinen Oberschenkeln ausgebreiteten Zeitung im Kreis, welche laut zu knistern beginnt und kuschelt sich dann an meinen Bauch. Erwartungsvoll streckt er mir seinen Kopf entgegen und ich beginne, ihn zu kraulen. „Ach, mein Dickerchen, ich weiß mal wieder nicht weiter. Ich weiß nicht, wie ich aus diesem beschissenen Leben ausbrechen soll, wie ich Sarah glücklich machen kann.“ Schnurrend schmiegt er sich nur noch enger an mich und ich danke ihm für seinen stillen Beistand. Einem spontanen Gefühlsausbruch folgend packe ich mir den Kater und umarme ihn heftig. Dann schaue ich ihm tief in die Augen und flüstere „Und wieder einmal bist du für mich da…“ Ein Ausdruck der totalen Verwirrung muss sich in meinem Gesicht widerspiegeln. „Was passiert hier?“ höre ich mich sagen. Ich kann den Blick nicht von diesen Augen abwenden und dann beginnt sich plötzlich alles um mich herum zu drehen.

Sieben

Am Morgen kostet es mich viel Überwindung, das warme Bett zu verlassen. Ich bin nämlich schon seit ich denken kann fest davon überzeugt, dass mich die Bettdecke beschützt, wenn sich nur ja jeder Zentimeter meines Körpers darunter befindet. So konnte ich schon damals erfolgreich böse Nachtmonster bezwingen. Doch es hilft alles nichts, ich muss aufstehen und wie auf’s Stichwort beißt mir der Kater vorsichtig, ja fast schon zärtlich in den großen Zeh. “Ja, mein Dickerchen, du bekommst ja dein Frühstück…” gähne ich. Fix schleiche ich in die Küche und serviere dem Kater eine Dose Thunfisch. Dann mache ich mir einen Kaffee und für Sarah ein kleines Frühstück. Nebenbei verschlinge ich eine Scheibe Brot auf dem Weg ins Bad. Schnell ziehe ich eine Jeans und ein schwarzes T-Shirt an, putze meine Zähne und kühle danach mein Gesicht mit eiskaltem Wasser, um endgültig wach zu werden. Mein Blick fällt kurz auf die Badewanne und ein Lächeln huscht über meine Lippen, dann schüttele ich den Kopf und wecke meine Schwester.

“Sarah, beeil dich!” zische ich. Er schläft noch im Wohnzimmer auf dem Sofa, ein paar Bierflaschen liegen auf dem Boden und der Aschenbecher quillt über. “Oder willst du warten, bis er wach ist?” Ich ernte einen vorwurfsvollen Blick, bevor Sarah ihren Rucksack schnappt und wir die Wohnung endlich verlassen können. Wir atmen beide erleichtert auf und machen uns beschwingt auf den Weg. “Na und, Rosalie, was wirst du heute machen?” Jeden Tag fragt mich Sarah die selbe Frage, jeden Tag hofft sie, und jeden Tag antworte ich “Natürlich werde ich arbeiten gehen, danach einkaufen und dann auf dich warten, Schwesterherz.” Ich arbeite halbtags in einem Supermarkt, um für Sarah und mich das Nötigste an Essen beschaffen zu können. Ab und zu drücke ich ihr ein wenig Geld in die Hand, damit sie sich ein paar schöne Klamotten kaufen kann. So habe ich mir mein Leben nach der Schule eigentlich nicht vorgestellt, aber es bleibt mir keine andere Wahl. “Du könntest einfach gehen, Rosalie.” Sarah bleibt stehen und sieht mich traurig an. “Einfach fort, weg von ihm. Dann bist du endlich frei!” Tränen stehen ihr in den Augen und ich umarme sie schnell. “Ach Schwesterlein, ich werde dich niemals alleine lassen. Ich bin immer für dich da, mein Herz.” Ich merke, dass Sarah zwar erleichtert ist, doch ich weiß, sie fühlt sich schuldig. Ich drücke ihre Hand und sage nur “Komm, wir beeilen uns lieber, sonst kommst du noch zu spät.”

Nachdem ich Sarah zur Schule gebracht habe, mache ich mich zügig auf, Richtung Supermarkt. Jetzt kann ich das erste Mal in Ruhe an gestern Nacht denken. Obwohl es nur ein Traum war, kann ich mich an jede Einzelheit erinnern, an den Sand, die Glühwürmchen und die Augen, die mich beobachteten. “Wie schön wäre es, könnte ich noch einmal dorthin zurück. Mit Sarah. Ich möchte ihr alles zeigen, ich möchte, dass sie sich auch so frei fühlen kann.” Traum bleibt jedoch nun einmal Traum und ich zwinge mich, an etwas anderes zu denken. So mit mir selbst beschäftigt merke ich nicht den Mann, der mir um die Ecke entgegen kommt und schon lande ich auf dem Hosenboden. “Aua! Passen Sie doch auf!” fauche ich wütend und reibe mir dabei die Stirn. “Oh, entschuldige Rosalie, ich habe dich gar nicht kommen sehen. Geht es dir gut?” Samuel! Ausgerechnet Samuel. “Es tut mir so leid, Samuel, ich wollte nicht so unfreundlich sein, ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht auf den Weg geachtet habe. Ist bei dir alles in Ordnung?” ich plappere viel zu schnell, viel zu hektisch, nur um mir nicht einzugestehen, dass ich mich freue, ihn zu treffen. Ich freue mich? Nein, bestimmt nicht. Samuel greift meine Hand und zieht mich hoch. Für einen Moment sind wir uns nahe, sehr nahe und ich höre mein Herz wie wild schlagen. Ich reiße mich los, bringe noch ein “Ist alles in Ordnung, bis später.” heraus und laufe eilig weiter.

Erst nach einigen Schritten werde ich langsamer. Ein plötzlicher Windstoß bläst mir ins Gesicht und erstaunt weiten sich meine Augen. Ich kann den Duft des Waldes aus meinem Traum riechen! “Das kann doch nicht wahr sein, ich muss schon wieder träumen.” denke ich mir und werfe einen Blick hinter mich. Gerade noch rechtzeitig erkenne ich, dass Samuel mich anlächelt, dann dreht er sich um und geht. “Komisch, ob Samuel das Gleiche wahrgenommen hat, wie ich? Ich werde ihn später fragen. Hm, oder vielleicht doch nicht…’Du Samuel, hast du vorhin auch den verzauberten Wald gespürt oder warum hast du gelächelt?’ klingt doch merkwürdig, mehr als merkwürdig.” Ich beschließe also, diesen Vorfall für mich zu behalten. “Ach hallo Prinzchen, bist du schon die ganze Zeit hier? Oder kontrollierst du nur, dass ich auch ja nicht zu spät zur Arbeit komme?” Der Kater sitzt einige Meter entfernt auf der Straße und beobachtet mich. Ob er mir gefolgt ist? So anhänglich war er doch noch nie. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr vergesse ich jedoch, weiter darüber nachzudenken und mache mich schleunigst auf den Weg. Im Vorbeigehen habe ich noch das Gefühl, der Kater blicke mich traurig an und ich muss über mich selbst lachen. “Erst glaubst du, du bist durch eine Badewanne gefallen und dann blickt dich eine Katze traurig an. Rosalie, du wirst verrückt!”

Sechs

Auf einmal habe ich das unwohle Gefühl, beobachtet zu werden. Ich fange an zu zittern und schlinge mir unbewusst die Arme um meinen Körper. Erst jetzt kriecht allmählich die Angst in mir hoch und findet ihren Weg in mein Bewusstsein. “Verdammt, was mache ich jetzt nur?” schießt es mir durch den Kopf. Ich bin doch absolut verloren hier. Ich weiß ja nicht mal, wo ich bin. Wie ich hier hingelangen konnte, daran möchte ich erst gar keinen Gedanken verschwenden. Hektisch blicke ich mich nach allen Seiten um, fest davon überzeugt, dass gleich etwas absolut Schreckliches passieren wird und laufe los. Am Rande wundere ich mich noch, wieso mir die Glühwürmchen folgen, als ich sie sehe. Grüne Augen. Grüne Augen, die mich durch das Blätterdickicht vor mir anstarren. Grüne Augen, die mir seltsam vertraut vorkommen. Ich höre auf zu laufen und bewege mich vorsichtig auf sie zu. Behutsam hebe ich die Hand und strecke meinen Arm langsam in ihre Richtung, um die Blätter beiseite zu schieben.

Und dann liege ich plötzlich in meinem Bett und spüre neben mir das Prinzchen, das sich ganz dicht an meinem Herzen eingerollt und an mich gekuschelt hat. Ich schließe meine Augen, doch als ich sie wieder öffne, liege ich immer noch im Bett. “Also war doch alles nur ein Traum…” murmele ich noch, bevor ich erschöpft einschlafe. Und deshalb bemerke ich auch nicht das Glühwürmchen, das vorsichtig um den Kopf des Katers schwirrt, sich kurz auf meiner Nasenspitze ausruht und dann langsam immer schwächer leuchtet, bis es gänzlich verschwunden ist.

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