Samuel und ich sitzen schweigend nebeneinander. Ich konnte mich gerade so vergewissern, dass es Sarah den Umständen entsprechend gut geht, da klopfte es auch schon an der Tür und eine äußerst parfümlastige ältere Frau – eine von der ‚Ich kann nicht akzeptieren, dass ich älter werde‘-Sorte – klackerte auf ihren hohen Absätzen auf uns zu. Sie stellte sich als Mitarbeiterin des Jugendamtes vor und bat mich, den Raum zu verlassen, sie müsse mit dem armen Kind alleine sprechen. Sarah und ich blickten uns an und ich sah die Panik in ihren Augen. Ich drückte ihr kurz die Hand und konnte gerade noch so einen Seufzer unterdrücken, schloss leise die Tür hinter mir und ging mit hängendem Kopf zu einer Besucherecke und setzte mich neben Samuel, der nur kurz aufblickt. So sitzen wir also hier und schweigen uns an, bis ich es nicht mehr aushalte. „Ich hole mir einen Kaffee, möchtest du auch?“ – „Mhm.“ Noch nie habe ich Samuel so wortkarg und resigniert erlebt. Mit einem mulmigen Gefühl mache ich mich auf die Suche. Als ich wenige Minuten später mit zwei Plastikbechern in den Händen um die Ecke biege, bemerkt mich Samuel gar nicht. Ich bleibe für eine Sekunde stehen. Er macht sich unendliche Sorgen, das sehe ich. Ab und an streift er sich gedankenverloren durchs Haar, nur um seinen Kopf gleich wieder in seine Hände sinken zu lassen. Es ist absurd, in Anbetracht dieser Situation, und doch bereitet sich in mir eine wohlige, fast schmerzhafte Wärme aus. Samuel gehört zu uns. Er ist ein Teil der Familie, die wir eigentlich nie hatten. Er ist immer für uns da. Wirklich immer. Wie ein großer Bruder, der seine Schwestern schützt und mir wird klar, dass Familie nicht blutsverwandt sein muss. Die Liebe einer Familie kommt aus dem Herzen. Blut ist nicht dicker als Wasser, Herzblut ist dicker als Blut.
„Schmeckt nicht wirklich nach Kaffee, aber es ist schön heiß, das hilft vielleicht ein bisschen.“ Ich halte ihm einen Becher entgegen und lächele ihn an. „Du hast das Richtige getan, Samuel. Und wer weiß, was mit Sarah passiert wäre, wenn du nicht dazwischen gegangen wärst.“ Ich lehne mich an ihn und atme tief durch und flüstere „Ich bin dir so unendlich dankbar, dass du immer für uns da bist…“ Und dann stürzen alle Gefühle auf einmal über mich herein, die Dankbarkeit und Liebe, die Wut, die Angst und ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Samuel zuckt kurz, dann umarmt er mich und so sitzen wir beide wie ein Häuflein Elend da und versuchen, uns gegenseitig Trost zu spenden.
Nach über einer halben Stunde höre ich wieder das Klackern der Stöckelschuhe und schon steht die Jugendamtsfrau vor mir. „Bist du Rosalie?“ Ich nicke. „Du sorgst für Sarah, sagt sie.“ Mir gefällt nicht, wie sie das Wort „sorgt“ ausspricht. „Wieso bist du nicht zu uns und hast das in erfahrene Hände gegeben? Man sieht ja nun, wie du dich um sie „sorgst“!“ Sie bewegt dabei Zeige- und Mittelfinger beider Hände, um ihre Worte noch zu unterstreichen. „Dass eins klar ist, Sarah steht ab sofort unter unserer Obhut und kommt erst einmal in ein Heim. Vielleicht finden wir noch eine Pflegefamilie für sie. Und du, Fräullein“ sie tippt mir dabei auf die Brust „solltest mal anfangen, nicht so verdammt egoistisch zu sein, Sarah hätte noch viel Schlimmeres zustoßen können!“ Ich sage nichts und stehe nur wie versteinert da. „Als ob SIE eine Ahnung hätten, was nicht alles schon passiert ist und warum Rosalie so handelt!“ Samuel ist aufgesprungen und stellt sich schützend vor mich. „Was bilden Sie sich eigentlich ein. Denken Sie ernsthaft, sie können einfach so nach 30 Minuten ein Urteil fällen und über Rosalie richten, wie es Ihnen beliebt?“ Die Frau zuckt erst ein wenig zurück, dann plustert sie sich auf. „Und Sie sind?“ zischelt sie nur. „Sind Sie etwa der Nachbar, der von allem wusste?“ „Komm, Samuel, wir gehen zu Sarah, lass gut sein.“ Ich habe pochende Kopfschmerzen und öffne die Tür. „Du kannst dich schon einmal von deiner Schwester verabschieden, du wirst sie so schnell nicht wiedersehen.“ Ich drehe mich um und kann gerade noch sehen, wie sie mich boshaft angrinst, bevor Samuel mich durch die Tür schiebt und sie hinter mir schließt.

